Programm

 

Di 22. März 2022, 19.30

Tonhalle Zürich, Kleiner Saal

So 20. März 2022, 17.00

Marianischer Saal, Luzern

I

Juliane Banse, Sopran
Merel Quartett

Roland Moser - Rencontres nocturnes (2019)
Antonín Dvořák - Streichquartett G-Dur op. 106
Ottorino Respighi - "Il tramonto"

Antonin Dvorak – Streichquartett G-Dur Op. 106

Die Entwicklung der Motive, der Einfallsreichtum in der Melodik und ihr Bezug zueinander durch die Sätze hindurch, sowie die monumentale Dimension der Komposition steht grossen Werken wie bspw. der 8. oder 9. Symphonie in nichts nach - ausser, dass eben nur vier Instrumente beteiligt sind. Und genau hierin liegt die grösste Herausforderung der Interpretation des Quartetts Op. 106. Für welches Instrument im Orchester wäre eine gewisse Passage gesetzt? Wie kommt ein einzelnes Streichinstrument möglichst nahe an die klangliche Eigenschaft einer ganzen Stimmgruppe? Nebst der harmonischen Komplexität, Brillianz der einzelnen Parts und den für Dvorak typischen Elementen der tschechischen Volksmusik sind dies einige der zentralen Fragen, die sich bei diesem Werk stellen.

Ottorino Respighi – “Il Tramonto” für Streichquartett und Mezzosopran ist eine ausschweifende Vertonung des gleichnamigen Gedichts von Percy Bysshe Shelley. Die Komposition erinnert mit ihrer orchestralen und stimmungsvollen Streichertextur an eine Oper in Miniaturform und widmet sich, im Sinne der italienischen Tragödie, einer tieftraurig endenden Liebesgeschichte. In einer sternenklaren Liebesnacht fragt der Jüngling seine Geliebte: “Is it not strange Isabel, I never saw the sun”, und freut sich: “Tomorrow; thou shalt look on it with me.” Doch am nächsten Morgen findet sie ihn voller Entsetzen nur noch tot und kalt daliegend vor. Der Schluss der Ballade zeigt sie alternd und ein Leben lang trauernd und lässt offen, welches der beiden Leben das Erfülltere ist.

Roland Moser – Rencontres Nocturnes für Sopran und Streichquartett

Ein trockener, subtiler und zuweilen leicht geschwärzter Humor begleitet die Zuhörenden durch das Werk. Musikalisch illustrierter Sprachwitz, sowie das Spiel mit Labels und Konnotationen sind ein wichtiger Teil dieses Werks. Moser bezeichnet sein Werk z.B. als “ein Rollenspiel.”, ein Begriff, der in einer jugendlichen und neckischen Welt angesiedelt ist. In der Besetzungsliste liest man nicht etwa “zwei Violinen”, sondern “Violine, Geige” etc. Die mit Scordatura verstimmte Geige und deren teilweise solistische Begleitung der Singstimme impliziert einen volkstümlichen Hintergrund des Instruments. Abschliessend sei hier die vielleicht wichtigste Frage des Werks gestellt: “Was wohl Katzen hören, wenn Caruso singt?”.

 

Rencontres nocturnes wurde für das Merel Quartett und Juliane Banse komponiert und am

Zwischentöne Festival 2019 uraufgeführt.

 

II

Sa 9. April 2022, 19.30

Konservatorium Zürich, Florhofgasse

So 10.April 2022, 17.00

Marianischer Saal, Luzern

Reto Bieri, Klarinette
Claudio Martínez Mehner, Klavier
Merel Quartett

Sergei Prokofjew - Ouvertüre über hebräische Themen op.34
Gérard Zinsstag - Notturno (2021)
Max Reger - Largo aus Klarinettenquintett
Johannes Brahms - Klavierquintett op. 34

Gérard Zinsstags Notturno wurde vom Merel Quartett in Auftrag gegeben und an den Zwischentönen Engelberg 2021 Uraufgeführt. Der Komponist schreibt darüber:

 

«Der Kompositionsprozess beginnt, wenn eine Idee Konturen bekommt: Am Anfang steht

meistens ein Nukleus, der sich in alle Richtungen erweitert und vernetzt, dann entstehen

Kreise und allmählich entwickeln sich wiederum Verästelungen und Verzweigungen wie bei

einem Baum. Die Kreise gehen weiter, werden Linien und Textur zugleich, und so entsteht

langsam eine Form, als ob alles organisch schweben würde…»

 

Ausgehend von der speziellen Besetzung dieses Werks gestaltet sich das zweite Programm der Serie. Zum Merel Quartett gesellen sich mit Reto Bieri und Claudio Martínez Mehner zwei grossartige Künstler, die seit Jahren zu regelmässigen Partnern des Ensembles gehören.

Prokofiew schrieb seine Ouvertüre über hebräische Themen für das Jüdische Ensemble Zimro, welches mit einer Konzerttournee durch die USA Geld für die Gründung eines Konservatoriums in Jerusalem sammelte. Regers Klarinettenquintett wurde nur 10 Tage vor seinem Tode vollendet – das Largo kann man als emotionales Zentrum dieses introspektiven Werkes sehen.

Das heute zu den bekanntesten und beliebtesten seiner Gattung gehörende Klavierquintett von Brahms musste seine definitive Besetzung erst suchen: Ursprünglich konzipiert als Streichquintett in der «Schubert-Besetzung» mit 2 Celli, dann umgearbeitet als (heute noch erhaltene) Sonate für 2 Klaviere, fand mit der Endfassung endlich seine ideale Form, zu der Clara Schumann äusserte:

 

«Mir ist nach dem Werk, als habe ich eine grosse tragische Geschichte gelesen.»

 

III

Mi 22. Juni 2022, 19.30

Konservatorium Zürich, Florhofgasse

So 26.Juni 2022, 17.00

Marianischer Saal, Luzern

Merel Quartett

Joseph Haydn - Streichquartett C-Dur op. 20 Nr. 2
Sándor Veress - Streichquartett Nr. 1 (1930)
Claude Debussy - Streichquartett g-Moll op. 10

Drei Giganten auf der Suche nach Freiheit

Joseph Haydn, Vater der Streichquartetts, Claude Debussy, Pionier des Impressionismus und Sándor Veress, Botschafter der Ungarischen Volksmusik und Meister der Moderne: Die Kombination dieser Pfeiler der westlichen Musikgeschichte lässt einen mit unumgänglicher Bewunderung erleben, wie künstlerische Freiheit durch komplexe musikalische Herausforderungen erreicht wird.

Haydns op. 20 Nr. 2 ist Teil seiner sechs höchst experimentellen «Sonnenquartette». In jenem 2. Quartett ist sein Respekt für kompositorische Parameter des Barocks deutlich präsent, er nutzt diese aber gleichzeitig als Sprungbrett für eine unvorstellbare Entwicklung seines Stils. Dies passiert schon im ersten Satz, welcher zwar aus der Tradition der Triosonate stammt, sich aber durch «instrumentales Cross-Dressing» auszeichnet. Gleich zu Beginn nämlich wird die 1. Violine auf die Zuschauerbank gesetzt, während sich Cello und 2. Violine die Melodie im Duo teilen und die Bratsche den Basspart übernimmt. Es ist ein schelmisch-geschmackvoller Anfang zum reichhaltigen und blumigen 1. Satz. Ein markantes Unisono in c-Moll zeichnet den 2. Satz «Capriccio» auf monolithische Weise aus, um sogleich nahtlos in eine himmlische Aria in Es-Dur überzugehen. Der 3. Satz «Menuett» kreiert mit einem Dudelsack-Bordun faszinierende Texturen und der 4. Satz ist eine Fuge «a Quattro soggetti», durchgehend flüsternd mit einer explodierenden Coda am Ende. Ein derart dichtes Aufgebot an kompositorischen Mitteln lässt einen darüber rätseln, wo wohl die Grenzen der Kreativität liegen mögen.

Claude Debussy, der rigorosen und theoretisierenden Musiklehre seiner Zeit überdrüssig, strebte danach, echte Französische Musik kreieren, um dem starken Übergewicht an deutschsprachiger Ästhetik entgegenzuwirken, welche damals an französischen Conservatoires flächendeckend gelehrt wurde. In der neuen Strömung des Symbolismus, welche konkrete Deutungen und realistische Assoziationen durch suggestive und metaphorische Kunst ersetzte, fand Debussy eine neue Art von künstlerischer Wahrheit, welche durch direkte Beschreibung unmöglich zu erreichen war.

Debussys Quartett in g-Moll, 1893 komponiert, wurde durch seine sinnliche Schönheit und reichhaltige Textur eines der beliebtesten Werke seines Genres und ein Paradebeispiel für

das Durchbrechen der versteiften Konventionen der damaligen Zeit.

Veress, ein raffinierter und sorgfältiger Komponist, entwickelte mit seiner Musik die kompositorischen Prinzipien Bartoks weiter und kombinierte diese stets mit einem ausgefeilten Sinn für Ungarische Volksmusik. Gleichzeitig war er einer der ersten Ungarischen Komponisten, die sich der Zwölftonmusik widmeten und sich anderen musikalischen Strömungen öffneten.

Das 1. Streichquartett, welches er 1930/31 als 23-Jähriger komponierte, war eines seiner ersten Werke, die Veress als vollwertig akzeptierte. In der Virtuosität und erstaunlichen Harmoniesprache ist die Präsenz von Bartoks Streichquartetten Nr. 3. und 4. unüberhörbar, aber sie ist gepaart mit einer absoluten Authentizität und eigenen Stimme. Eine eigentliche Tonart ist nicht vorhanden, wobei die wiederholte Note G im 1. Satz einen Bogen schlägt zum Finale, in welchem G als tonales Zentrum fungiert. Veress bedient sich einer Notenreihe, welche zwar keine Zwölftonreihe im klassischen Sinn ist, jedoch alle 12 Noten der chromatischen Tonleiter beinhaltet. Das Hauptgewicht liegt dabei auf dem Bezug unterschiedlicher melodischer und motivischer Formen zueinander durch die drei Sätze hindurch.